Soziologie und Mafia

Dr. Anita Bestler

Warum machen Soziologen eine Exkursion nach Sizilien?

Dr. Anita Bestler

Dr. Anita Bestler

Das Institut für Soziologie der Universität Regensburg führte vom 17. – 24. Februar 2008 eine von Professor Dr. Dr. Robert Hettlage und mir geleitete Exkursion nach Sizilien durch, an der vierzehn Studentinnen und Studenten teilnahmen. Damit wurde eine „Tradition“ fortgesetzt, welche be­reits im Herbst 2001 mit einer ersten Exkursion nach Sizilien eingeleitet worden war. Während des Wintersemesters 2007/08 fand zur Vorbereitung der Exkursion eine Übung für Fortge­schrittene mit dem Thema „Mediterrane Kulturmuster und Lebensweisen“ statt (s. Seminarplan), bei der die Studierenden mit dem Forschungsstand der ethnosoziologischen Mediterranistik und Sizilienforschung vertraut gemacht wurden. Im Rahmen eines Referats und einer Hausarbeit er­arbeiteten sich alle SeminarteilnehmerInnen einen Aspekt der Mittelmeerforschung etwas ge­nauer, und am Ende der Übung entschieden sie sich dann, auf welches Exkursionsthema sie sich be­sonders intensiv vorbereiten wollten. Jede/r verfasste im An­schluss an die Studienfahrt einen – nunmehr hier veröffentlichten Bericht – für den er/sie selbst verantwortlich zeichnet.

Das Ziel der Exkursion bestand in der Konfrontation mit einer – im Vergleich zur Herkunfts­kultur – vollkommen anderen Gesellschaft, und damit einer „Horizonterweiterung“ im europäi­schen Sinne. Dies erachteten wir insofern als notwendig, als sich in den Sozialwissenschaften eine Nord-West-Lastigkeit, wenn nicht gar ein ethnozentristischer bias, konstatieren lässt, welcher sich nicht nur in Bezug auf die ausgewählten Untersuchungsgegenstände äußert, sondern – was viel schwerwiegender ist – sich auch auf das wissenschaftliche Instrumentarium (Fachterminologie, Theorien, Methoden) auswirkt. Aus diesem Grund bemüht sich das Institut für Soziologie schon seit geraumer Zeit um eine stärker gesamteuropäisch orientierte Soziologie.

Für die studentische Ausbildung zieht dies die vermehrte Berücksichtigung europäischer Fragestellungen und die Sen­sibilisierung für die Vielfältigkeit gesellschaftlicher und kultureller Lebensformen in Europa nach sich. Wenn sich die Ausbildung „europäisieren“ oder sogar „internationalisieren“ soll, muss zwangsläufig eine stärkere Auseinandersetzung mit den bisher zu kurz gekommenen Gesell­schaften und Kulturen stattfinden. Dazu zählen in jedem Falle die Länder des europäischen Süd­gürtels, deren Besonderheiten seitens der Ethnosoziologie und der Mediterranistik seit nunmehr über fünfzig Jahren herausgestellt werden, ohne dass die einschlägigen Forschungsergebnisse bislang Eingang in die Mainstream-Forschung gefunden hätten.

Mit der geplanten Exkursion sollte dieses Defizit ein Stück weit nicht nur theoretisch, sondern auch praktisch überwunden werden. Die Wahl fiel auf die an der Grenze zu Afrika gelegene Re­gion Sizilien, weil sich die dortige Gesellschaft von denen Nord- und Mitteleuropas beträchtlich unterscheidet. Formal ist zwar auch Sizilien demokratisch verfasst und verfügt über eine soziale Marktwirtschaft, faktisch stellt sich die Situation aber ganz anders dar. Als Exkursionsziel bot sich die Insel auch deshalb an, weil viele der dortigen Kulturmuster (z.B. Familismus oder Klientelismus) typisch mediterran und im gesamten Mittelmeerraum in mehr oder weniger ausgeprägter Form vorfindbar sind. Es waren also gleichzeitig Einblicke in die südeuropäische Realität insgesamt zu gewinnen. Bedingt durch Forschungen am Lehrstuhl für Soziologie in Vergangenheit und Gegenwart bestehen viele Kontakte zu verschiedenen interessierenden Ein­richtungen in Sizilien, so dass nicht zuletzt auch pragmatische Gründe für Sizilien als Exkursi­onsziel sprachen.

Konkret sollten die Mitglieder der Exkursion ausgewählte Aspekte wichtiger gesellschaftlicher Bereiche, so der Ökonomie, des politischen und sozialen Systems sowie die Kultur Siziliens ins­gesamt kennenlernen. Aus diesem Grund baten wir verschiedene sizilianische Exper­ten um ein Gespräch.

Am ersten Tag der Exkursion beschäftigten wir uns mit der langsam ver­schwindenden sizilianischen Bauernkultur sowie der Gastarbeiterthematik. Zu diesem Zweck fuhren wir in das kleine madonitische Dorf Alimena, wo wir uns mit dem Ricotta-Produzenten Pino Mascellino sowie den Agronomen Salvatore und Lillo Lo Porto trafen (s. Bericht). Wir unternahmen ferner einen kleinen Rundgang durch den Ort, bei dem uns Mario Fili erzählte, wie sich sein Dorf im Verlaufe der letzten Jahrzehnte verändert hat. Dabei ergab sich auf der Piazza auch die Gele­genheit, mit einigen Rückkehrern aus Deutschland ins Gespräch zu kommen.

Am zweiten Ex­kursionstag suchten wir zunächst mit dem „Centro Padre Nostro“ ein Sozialzentrum auf, welches sich im palermitanischen Stadtteil Brancaccio vor allem um sozial gefährdete Kinder und Jugend­liche kümmert (Bericht). Anschließend ging es weiter zum Justizpalast von Palermo, wo uns Staatsanwalt Guido Lo Forte über die Hintergründe des Andreotti-Prozesses sowie die aktuelle Situation der Mafia informierte (Bericht). Die Gesprächsrunde wurde mit einem Besuch der palermitanischen Redaktion der Tageszeitung „La Repubblica“ beendet. Der Journalist und Schriftsteller Enrico Bellavia be­antwortete uns zahlreiche Fragen zum italienischen Mediensystem sowie den Schwierigkeiten, investigativen und verantwortungsbewussten Journalismus zu betreiben (Bericht).

Am dritten Exkursions­tag mussten wir erst einmal drei Stunden Fahrtzeit in Kauf nehmen, um die westsizilianische Stadt Gela zu erreichen, welche zwischenzeitlich zum „Symbol“ der neuen Antimafiabewegung geworden ist. Nach einem Besuch im Rathaus stand uns während des gesamten Nachmit­tags Gelas – inzwischen berühmt gewordener – Antimafia-Bürgermeister Rosario Crocetta für Fragen zu Verfügung (Bericht). Am frühen Abend trafen wir in Gela mit dem Präsidenten der Land­wirtschafts­genossenschaft „Agroverde“, Stefano Italiano, sowie deren technischem Direktor, Giuseppe Gi­ardino, zusammen. Die beiden berichteten, wie ihre einst erfolgreiche Genossenschaft durch mafiose Einmischung fast zerstört worden wäre (Bericht).

Am vierten Tag suchten wir das Redempto­ristenkloster im palermitanischen Stadtteil Uditore auf, um mit dem Direktor der monatlich er­scheinenden Zeitschrift „Segno“, Padre Nino Fasullo, über die schwierigen Beziehungen zwi­schen Mafia und Kirche zu diskutieren (Bericht). Anschließend trafen wir an der Universität von Palermo den Psychologieprofes­sor Girolamo Lo Verso, welcher zusammen mit seinen Mitarbeitern zahl­reiche Veröffentlichun­gen zur „mafiosen Psyche“ herausgegeben und lange Zeit mit Familienan­gehörigen sowie Mafia­aussteigern gearbeitet hat (Bericht). Am frühen Abend diskutierten wir schließlich mit Saverio Panzica von der Region Sizilien, einem Experten für Tourismus und nachhaltige Entwicklung. Bei dieser Gelegenheit ergab sich auch die Möglichkeit zum Gedankenaustausch mit einigen Master-Studenten für Tourismus über die doch sehr unterschiedlichen Lebenssituati­onen von Studierenden in Süditalien und Deutschland.

Am fünften Tag schließlich fuhren wir quer über die Insel nach Catania, wo wir im barocken Palazzo Biscari zunächst mit VertreterInnen der catanesischen Antiracketorga­nisation zusammentrafen. Sie berichteten uns, wie sich Geschäfts­leute immer stärker gegen Schutzgelderpressungen der Mafia wehren, wenn auch noch immer die meisten den sog. „pizzu“ bezahlen (Bericht). Der Nachmittag war der aktuellen Situation von Frauen in Sizilien gewidmet. Grazia Giurato von UDI hielt einen interessanten Vortrag zu dieser The­matik (Bericht).

Am Morgen des letzten Exkursionstages fuhren wir in die Kleinstadt Partinico, wo wir uns mit dem Historiker Giuseppe Casarrubea trafen, welcher u.a. über das „erste italienische Myste­rium“, die (politischen) Hintergründe der Gewalttaten an der „Portella della Ginestra“, gearbeitet hat und gerade dabei ist, ein Archiv mit Geheimdienstdoku­menten aufzubauen (Bericht). Abgeschlossen wurde die Exkursion am Nachmittag durch ein Treffen mit Aktivisten des „Comitato Addio­pizzo“, engagierten jungen Palermitanern, welche mittels diverser phantasievoller Aktionen ein Bewusstsein gegen mafiose Schutzgeldforderungen zu schaffen ver­suchen (Bericht).

Ohne die Bereitschaft unserer sizilianischen Gesprächspartner, uns einen Teil ihrer Zeit und ihre Sachkenntnis zur Verfügung zu stellen bzw. uns an ihren persönlichen Erfahrungen partizi­pieren zu lassen, wäre die Exkursion nicht zustande gekommen. Ihnen allen sei an dieser Stelle ganz herzlich gedankt! Unser Dank geht auch an Signor Mario Fili, den Eigentümer der Busfirma Fili in Mascalucia, welcher uns nicht nur sicher durch Sizilien begleitet hat, sondern der uns stets bei „Problemchen“ weiterhalf und sogar abends einige Lektionen in sizilianischer Kochkunst gab. Ähnliches gilt für Signora Daniela Leone, die Leiterin des Gästehauses der Waldenser in Pa­lermo, wo wir gastfreundlich aufgenommen wurden und sogar die Küche gratis benutzen durf­ten. Und schließlich sei auch Herrn Diplom-Soziologen Martin Booker gedankt, welcher sich um die Veröffentlichung des Exkursionsberichts im Internet gekümmert hat. Ein letzter Dank geht an unsere Studierenden, welche sich allesamt hervorragend vorbereitet und die Exkursion mit ihrem Enthusiasmus zu einem Erfolg haben werden lassen.

Anita Bestler

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