Besuch beim „Antipaten“: Rosario Crocetta, Bürgermeister von Gela

Institutionelle Antimafiaarbeit in einem explosiven Umfeld

von Kathrin Kammermeier

Bürgermeister einer Stadt in Sizilien – das hieß lange Zeit, die Mafia zu ignorieren, sie zu dulden, mit ihr zu kooperieren, oder schlimmstenfalls sogar selbst am organisierten Verbrechen beteiligt zu sein. Doch mit Rosario Crocetta änderte sich dies. „Meine vordringlichste Aufgabe als Stadtoberhaupt ist der Kampf gegen die Mafia.“ (Artikel in freitag.de) Mit dieser Äußerung in einem Fernsehinterview am ersten Amtstag als Bürgermeister von Gela, legte er den Grundstein seiner Antimafia-Politik. Und die Folgen ließen nicht lange auf sich warten. Drohanrufe und geplante Mordkomplotte in grande stile (Artikel in DonLappanio.com) stehen seitdem auf der Tagesordnung. Ein spannender Gesprächspartner sollte uns also am Mittwoch, dem 20. Februar 2008 erwarten.

Nach einer dreistündigen Busfahrt quer durch die sizilianische Insel, wollte uns Bürgermeister Crocetta im Rathaus von Gela zu einem Gespräch empfangen, in dem es um die „Institutionelle Antimafia-Arbeit“ gehen sollte. Zur großen Überraschung war es aber nicht der Bürgermeister, der leider nach einer kleinen Verspätung unsererseits auf uns wartete: Der Sitzungssaal – mit einem wunderschönen Blick auf das „Afrikanische Meer“, wurde von einer Horde Journalisten und Fernsehteams gestürmt, was die Spannung und Vorfreude, die sowieso bereits bei uns herrschte, nur noch mehr anheizte. Durch das Blitzlichtgewitter fast unbemerkt, betrat schließlich Crocetta selbst den Raum, und nun schien es für die Kameras kein Halten mehr zu geben.

Der Bürgermeister ergriff das Wort, und erläuterte, welche Vorgehensweise er für das nunmehr mit uns folgende Gespräch geplant hätte. Nach einigen einführenden Worten seinerseits in die Thematik der Mafia und der Antimafiaarbeit allgemein sowie speziell im Raum Gela, seien wir zum Mittagessen in ein nahe gelegenes Hotel eingeladen. Im Anschluss daran sollte dann – unter Ausschluss der Presse – die Möglichkeit bestehen, sich mit Fragen an ihn zu wenden.

Was ist die Mafia?

Crocetta stellte klar, dass sie nicht als ein rein sizilianisches Phänomen zu betrachten sei, sondern vielmehr eine bezeichnende Erscheinung für den gesamten Mezzogiorno, also Süditalien. Wie ließen sich ansonsten die neapolitanische Camorra oder die ’Ndrangheta in Kalabrien erklären? In einer gesunden Gesellschaft ähnle die Mafia einem Krebsgeschwür, so Crocetta. In einer solchen Umgebung ließe sich dieser Auswuchs leicht herausschneiden. Doch die italienische sei alles andere als eine gesunde Gesellschaft: Hier habe der Krebs bereits Metastasen gebildet, die sich – jenseits der Metaphorik betrachtet – durch alle Institutionen und Subsysteme „gefressen“ hätten. Bei einer solchen „gesellschaftlichen Krankheit“ sei es mit einer einfachen Operation nicht getan.

Crocetta entschuldigte sich alsbald für seine derbe Ausdrucksweise, doch mit genau dieser verlieh er seiner persönlichen Einstellung Ausdruck und ließ bereits Ansätze dessen erkennen, in welchen Maß und für welchen Preis er den Kampf gegen das organisierte Verbrechen akzeptierte. Dass die Mafia ein Resultat der Armut oder durch Unterentwicklung in sozialer, finanzieller und politischer Hinsicht entstanden sei, seien laut Crocetta falsche Vorurteile, welche das wahre Bild und die wahre Geschichte der Mafia nur verklärten. Er bezog sich hier auf John Dickies Werk über die Geschichte der Mafia, „Cosa Nostra“, in dem durch fundierte Recherchen bewiesen wurde, dass die Mafia nicht in den armen, ländlichen Regionen Siziliens, sondern in der Gegend der reichen Zitrusplantagen rund um Palermo entstanden sei.

Was sind seine Maßnahmen in der Antimafia-Arbeit?

Für Crocetta ist es wichtig, dass die Arbeit und der Kampf gegen das organisierte Verbrechen nicht erst dann beginnen, wenn „eklatante Dinge“ passierten. Handle man so, dann würde man die Mafia grundlegend unterschätzen. Als Beispiel führte der Bürgermeister hier das Aufschreien in Deutschland nach den Duisburger Mafiamorden an. Doch wem sei es bewusst, oder wer wisse überhaupt, dass sich genau die ’Ndrangheta, welche man nun nach den Attentaten forciert bekämpfe, nach dem Fall der Mauer „halb Ost-Berlin“ unter den Nagel gerissen habe, und dass diese bereits in größerem Umfang in Deutschland Fuß gefasst hat?

Genau diese Art der Mafia interessiert Crocetta, den kleinen dunkelhaarigen Mann, der ein absolutes Kuriosum in der italienischen und vor allem der sizilianischen Politikszene darstellt. Seit 2003 im Amt – nachträglich wurde er zum Wahlsieger erklärt, da sein Kontrahent des Wahlbetrugs überführt werden konnte – versucht der 1951 geborene Geleser die Mafia in seiner Heimatstadt zu bekämpfen. Mit Erfolg, in doppelter Hinsicht: Nicht nur die Mafia musste seitdem einige drastische Schläge einstecken, auch die Einwohner scheinen Gefallen an seiner Art der Politik gefunden zu haben. 2007 wurde er mit einer absoluten Mehrheit von 64,8% im ersten Wahlgang im Amt bestätigt. Im konservativen Sizilien schier unglaublich für einen Kommunisten und bekennenden Homosexuellen – noch dazu in einer Stadt, die als Mafiaville und Hochburg der Stidda bekannt ist.

Hierbei handelt es sich um eine mafiaähnliche Verbrecherorganisation, deren Mitglieder sich vor allem aus dem Kreise ehemaliger, ausgeschlossener, Ehrenmännern rekrutieren. Schon allein diese Tatsache macht die Stidda allerdings nur bedingt mit der Cosa Nostra vergleichbar. Auch wenn selbst in bezug auf die Mafia nur bedingt und mit aller Vorsicht von „Werten“ gesprochen werden kann, so legt jedenfalls die Stidda nicht dieselben strengen Kriterien für die Aufnahme ihre Mitglieder wie die Mafia zugrunde. Die Mitglieder der Stidda setzen sich neben verstoßenen Mafiosi auch aus „Unehrenhaften“ wie Drogenabhängigen sowie Kindern zusammen. Entstanden Anfang der 80-er Jahren, gerieten die beiden Organisationen bald in einen Konflikt, welcher ungeahnte Ausmaße annehmen sollte. Dieser Konflikt prägte insofern auch Crocetta, als er – wie alle anderen Geleser – kaum umhin konnte, als die schrecklichen Gewalttaten wahrzunehmen. Sein Entsetzen über den Tod zahlloser junger Menschen ließ für ihn später den Kampf gegen die Mafia zur Herzensangelegenheit und zur Lebensaufgabe werden.

Die New Mafia

Es sind nicht die Killer, die Crocetta mit seiner Antimafia-Politik bekämpfen will. Sicherlich, die auch. Doch das, was im Zentrum seines Interesses steht, das ist die New Mafia. Der Bürgermeister bezieht sich hier zunächst auf das Bild der Mafia, welches der Schriftsteller Giuseppe Fava im Aufsatz I quattro cavalieri dell’apocalisse mafiosa thematisiert hat. Der Artikel erschien im Januar 1983 in I Siciliani – und ein Jahr später wurde Fava in Catania von der Mafia erschossen. (Artikel in Girodivite) Das Mysterium des plötzlichen Reichtums von vier Unternehmern aus Catania wird von dem Autor hinterfragt. Die reziproke Begünstigung der sich gegenüberstehenden Mafia und Wirtschaft wird als das zentrale Beziehungsgeflecht betrachtet. Die Politik ist Komplize, egal ob aktiv oder passiv. Dieses Modell der Verbindungen gilt heutzutage als überholt, auch wenn Crocetta ihm noch immer einen guten Einblick in die Thematik zuschreibt.

Die neue Mafia hat eine andere Struktur. Sie besteht nicht mehr aus nur kooperierenden, sich gegenüberstehenden Institutionen, vielmehr haben diese sich durchdrungen, sind miteinander verflochten, und es sind keine klaren Einheiten mehr auszumachen. Die Mafia hat sich gewandelt. Sie ist nicht mehr nur als kriminelle Organisation zu betrachten – was prinzipiell schon immer ein Fehler war – sondern als integrativer Bestandteil von Wirtschaft und Politik.

Nach dieser überaus informativen Einführung wurden unsere Exkursionsleiter, sowie die Exkursionsteilnehmer, welche des Italienischen mächtig waren, um eine Stellungnahme in einem Interview gebeten. Die allgemeine Hektik verschwand mit Presse und Fernsehen und so navigierte uns ein Mitarbeiter Crocettas zu dem Hotel, in dem das Mittagessen und das anschließende Gespräch stattfinden sollten. Schon während der Fahrt durch Gela wurde ersichtlich, welche Spuren die mafiose Vergangenheit in der Stadt hinterlassen hatte: Verfallene Häuser und eine augenscheinliche Armut bestimmen das Bild einer Stadt, deren Bewohner sich mit Rosario Crocetta einen „Hoffnungsträger“ als Bürgermeister gewählt haben.

Auch das Hotel ist keineswegs als eines der Luxusklasse zu bezeichnen. Der Speisesaal war fast leer, nur wenige Tische besetzt: Carabinieri, wie man auf den zweiten Blick sehen konnte, beim Mittagessen. Eine große Tafel war für uns gedeckt, und nachdem alle Platz genommen hatten, forderte ein Mitarbeiter Crocettas uns auf, mit dem Essen bereits zu beginnen, da sich der Bürgermeister verspäten werde. Ein «typsich sizilianisches» Essen erwartete uns, und als der Bürgermeister dann endlich erschien, kehrte diese Hektik und Anspannung zurück, die schon zuvor die Atmosphäre des Sitzungssaals bestimmt hatte. Nicht zuletzt mag das an seinen unzähligen Leibwächtern gelegen haben, welche sein Auftreten einerseits sehr imposant machten, ihm andererseits diesen bitteren Beigeschmack verlieh: In welcher Gefahr befindet sich dieser Mann?

Es ist gar nicht leicht, den richtigen Sitzplatz für einen Mann zu finden, der bei jedem Schritt und Tritt um sein Leben fürchten muss. Letzten Endes setzte sich Crocetta an unseren Tisch – und zwar auf den Platz vor der Betonsäule, um kein allzu leichtes Ziel für Scharfschützen abzugeben.

Noch während er aß, gab er bereitwillig Auskunft über Fragen zur Mafia und „Stidda“ und er erschien sehr viel lockerer als ein Mann, der sich in Lebensgefahr befindet. Diese Diskrepanz in Auftreten und Verhalten machten die Person «Crocetta» jedoch nur noch beeindruckender. Auch in Italien gibt es ein gesetzliches Rauchverbot in Gaststätten – ein Gesetz, dass der Bürgermeister von Gela missachtet. Missachten muss. Er müsse ja immer fünf Leute mit vor die Tür nehmen.

Zu neuen Kräften gekommen, nahm die Gruppe Platz in einem abgetrennten Raum, welcher sich im Erdgeschoss des Hotels befand. Auch wenn die rechte Wand komplett verglast war: Durch die Bodyguards, die sich vor den Fenstern postierten, und den zugezogenen Vorhängen wurde jedem der Blick nach draußen verwehrt. Und auch nach drinnen, was in diesem Fall sehr viel bezeichnender ist.

Crocetta übernahm erneut das Wort und erklärte der Gruppe das Verhältnis von legaler und illegaler Wirtschaft. Zuvor allerdings stellte er einen Freund vor, Don Luigi, Pfarrer in einem Armenviertel von Gela, der sich auch dem Kampf gegen die Mafia verschrieben hat.

Wie gelangt das Geld aus illegalen Geschäften in die legale Wirtschaft?

Ungefähr 500.000 Firmen sind im sizilianischen Handelsregister erfasst – davon sind allerdings nur 80% Prozent tatsächlich aktiv. Und von diesen 400.000 Unternehmen zahlen 70% den sog. pizzu, das Schutzgeld, wie in dem Bericht SOS Impresa der Confesercenti aufgedeckt wurde. Kleinunternehmer zahlen demnach zwischen 500 und 1000 Euro monatlich, was – nach Crocetta – stark zu bezweifeln ist, und wahrscheinlich nicht der Realität entspricht, denn die Summen werden der Einfachheit halber niedrig gehalten. Crocetta führt das Beispiel einer Müllfirma an, die im Monat um die 18.000 Euro an pizzu bezahlen soll. Zur Verdeutlichung: dabei handelt es sich um kleine Unternehmen. Doch wie viel zahlt beispielsweise ein großer Supermarkt mit mehreren hundert Angestellten? Eine Frage, die nicht beantwortet werden kann. Macht man die Rechnung mit 200.000 Unternehmen, die monatlich 500 Euro bezahlen, so kommt man letztendlich auf eine Summe von 1,6 Milliarden im Jahr – eine unvorstellbare Menge Geld, selbst wenn „nur“ vom geringsten Betrag ausgegangen wird.

Nicht jedem Geschäftsmann ist es möglich, jeden Monat das Schutzgeld zu bezahlen. Umso verquerer also die Tatsache, dass selbst Banken in der Hand der Mafia sind, und diese auf Kredite nicht die üblichen 3% Zinsen schlagen, sondern nach Angaben Crocettas, das Hundertfache. Ist der Schuldner dem nicht mehr gewachsen, wird er beseitigt. Dieser Wahnsinn hat die Cosa Nostra zum größten sizilianischen Unternehmen gemacht, zu einer „Firma“ mit unfassbarem Umsatz – ohne dabei jedoch Steuern zu zahlen.

Die Mafia, das ist mehr als eine drogenhandelnde Verbrecherorganisation. Verdeutlicht wird dies, wenn man der Frage nachgeht, wo eigentlich das Geld aus dem illegalen Handel landet.

Wo wird das Geld gewaschen?

Ein großes Problem stellen die öffentlichen Ausschreibungen dar, an denen auch die Mafia teilnimmt. Schon während der Ausschreibungsphase bildet sie ein Kartell, durch das bis zu 70% der Ausschreibungen gewonnen werden. Sollte eine andere Firma den Wettbewerb für sich entscheiden, ist sie gezwungen, Schutzgeld zu bezahlen und Unteraufträge an die Mafia zu vergeben, in dem sie Material und Dienstleistungen von mafiosen Subunternehmen bezieht.

Ruhig und leise – das waren die „Verhaltensanweisungen“ an die Mafia, die der Capo dei capi Provenzano schon 1993 forcierte. Die „unsichtbare Mafia“, die keine, oder besser wenig Morde begeht, und dafür „leise“ an Einfluss in Wirtschaft und Politik gewinnt.

Bis zu diesem Zeitpunkt präsentierte sich Crocetta als eine Person, die durch starken politischen Willen und Visionen in eine Lage geraten war, in der er durch sein Handeln sein Leben in Gefahr brachte. Doch das ist keine erschöpfende Charakteristik des gelesischen Bürgermeisters. „Es gibt eine Pflicht zum Optimismus.“ Nach diesem Motto scheint Crocetta zu handeln, denn sein neuester beruflicher Coup ist nicht in etwa die Regionalpräsidentschaft Siziliens, seine Kandidatur zog er nämlich zurück. Crocetta wollte zum Zeitpunkt unseres Besuch Assessor für öffentliche Aufträge werden, womit er sich eines der gefährlichsten Regionalministerien ausgewählt hat. Schon zu Beginn unseres Besuches sagte er, der Kampf gegen Mafia sei nur mit der Methodik „den Finger in die Wunde zu legen“ zu gewinnen. Der Einsatz sei sein Leben. Man habe die Pflicht zu glauben, dass das Gute über das Böse siegt. Und als Mann der Öffentlichkeit ist es für Crocetta unmöglich zu glauben, dass man nicht daran glaubt.

Ist Rosario Crocetta ein Revolutionär? Revolutionär zu sein heißt in jedem Land und in jeder Gesellschaft etwas anderes, sagt der überzeugte Kommunist. Sein Vorbild für den Kampf gegen die Mafia ist das eines Freiheitskampfes. Egal ob revolutionär oder nicht, ein Held ist er auf jeden Fall, denn „ein Leben ohne Freiheit ist kein Leben!“

Literatur

Ciccarello, Elena/Nebiolo, Marco (2007): Fuga dall’illegalità. Gela, i cittadini, le leggi, le istituzioni. (EGA Editore)

Link zum Spiegel-Artikel: “Der Antipate”

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