Das Beispiel Salvatore Guilianos
von Gabriele Sigg
Bei Giuliano handelte es sich zunächst um einen armen Bauernburschen, welcher am 2. September 1943 – als gerade mal 21 Jahre alt war – zusammen mit seinem Cousin und Weggefährten Gaspare Pisciotta bei dem Versuch, Getreide über die Berge zu schmuggeln, mit Polizisten aneinander geriet. Die inflationäre Lage zu dieser Zeit verursachte einen großen Bedarf an Nahrungsmitteln. Besagte Polizisten erlaubten nun einem anderen Schmuggler, seine Ware weiter zu befördern, während Giuliano aber daran gehindert wurde. Schon lange empfand „Turi“ die Situation der Bauern in Sizilien als ungerecht und hatte genug von der ständigen Ausbeutung durch den Staat. Als Folge dieses Vorfalls kam es zu einer Schießerei, bei welcher ein Polizist das Leben verlor. Giuliano wurde nun als Mörder gesucht, was der Auslöser für seine „Rebellenkarriere“ war. Was zeichnet einen Sozialrebellen aus?
Charakteristika eines Sozialrebellen
Die „Karriere“ eines Sozialrebellen beginnt oft mit einem einschlägigen, teilweise banalen Ereignis. „Der mutige und zähe Mann, der nicht bereit ist, die traditionelle Bürde der Unterschichten einer Klassengesellschaft, Armut und Unterwürfigkeit, zu tragen, kann ihr entrinnen, indem er entweder sich den Unterdrückten anschließt und ihnen dient oder auch, indem er gegen sie revoltiert“ (Hobsbawm 1979: 28). Ein Sozialrebell versucht, die Spaltungen innerhalb einer Gesellschaft und somit die Kluft zwischen „moderner“ und „traditionaler“ Welt zu kompensieren. Der Sozialhistoriker Hobsbawm beschreibt das Brigantenwesen als vorpolitisches und bäuerliches Phänomen, welches in Süditalien durch die kapitalistische Rechts- und Wirtschaftsordnung vorangetrieben wurde.
Psychologisch betrachtet besteht für den Rebellen die Gefahr darin, dass das Töten zur Sucht werden kann. Idealtypisch kann der Sozialrebell als charismatischer Führer im Sinne Max Webers angesehen werden. Seine Rolle wird ihm von außen zugeschrieben, wobei diese abhängig vom Status der Person ist. Christian Giordano trifft die Unterscheidung zwischen der „histoire“ und der „mémoire“. Im Sinne der „histoire“ ist der Sozialrebell ein Krimineller, welcher durch seine verbrecherischen Handlungen die Stabilität des Staates gefährdet. In den Augen und der „mémoire“ der Bevölkerung hingegen ist er ein Held, welcher sich gegen die Jahrhunderte lange Fremdherrschaft stellt und gegen Ungerechtigkeiten aufbegehrt (vgl. Giordano 1992: 440f). Aus diesem Grund wird der Sozialrebell von der Bevölkerung beschützt. Dem Sozialrebellen gelingt es aber nicht, wirkliche Veränderungen zu bewirken, da diese einer – genau durchdachten – Machtübernahme bedürften. Dementsprechend lässt sich zwischen archaischen Sozialbewegungen wie dem Brigantenwesen und modernen Sozialbewegungen unterscheiden. Erstere streben zwar auch eine neue bessere Welt und einen vollständigen Wandel der Gesellschaft an, machen sich aber keine großen Gedanken darüber, wie dies zu bewerkstelligen sei. Moderne Sozialbewegungen hingegen – etwa die Französische Revolution, obgleich sie sicher nicht als „moderne“ Bewegung zu betrachten ist – haben in dieser Hinsicht recht genaue Vorstellungen. Mit Mafiosi hatten Briganten wie Giuliano zwar zu tun, dürfen aber nicht mit ihnen gleichgesetzt werden.
Der große Unterschied zwischen einem Briganten und einem Mafioso besteht darin, dass ein Brigant – und das gilt auch für den Sozialrebellen Giuliano – keine „bürgerliche Maske“ trägt und nicht gesellschaftlich integriert ist. Giuliano musste sich, wie andere Banditen auch, in den Bergen versteckt halten.
Bei all diesen idealtypischen Kategorisierungen muss beachtet werden, dass ein Idealtypus ein heuristisches Analyseelement darstellt, welches immer wieder kritisch im gesamtgesellschaftlichen Kontext betrachtet werden muss.
Mehr über den Besuch bei dem Historiker Giuseppe Casarrubea, den Sozialrebellen Salvatore Giuliano und das Mysterium an der „Portella della Ginestra“ findet sich in diesem Bericht (mehr…).
Literatur:
Casarrubea, Giuseppe (2002): Portella della Ginestra. Microstoria di una strage di Stato. Mailand
Giordano, Christian (1992): Die Betrogenen der Geschichte. Überlagerungsmentalität und Überlagerungsrationalität in mediterranen Gesellschaften. Frankfurt am Main.
Hobsbawm, Eric (1979): Sozialrebellen. Archaische Sozialbewegungen im 19. und 20. Jahrhundert. Göttingen
Hübner, Kurt (1985): Die Wahrheit des Mythos. München
Lévi-Strauss, Claude (1967): Strukturale Anthropologie, Frankfurt am Main.
Puzzo, Mario (1986): Der Sizilianer. München.